Wenn Hände und Füße kribbeln und schmerzen – Polyneuropathie durch Chemotherapie
Am Sonntag, den 31. Mai 2026 hat der Aktionskreis Kopf hoch zu einem Vortrag über Polyneuropathie durch Chemotherapie eingeladen.
Die Referentin war Frau Dr. med. Julia Schüning, Fachärztin für Neurologie, Geriatrie, Palliativmedizin und Schmerztherapie.
Verschiedene Krebs-Medikamente verursachen Nervenschäden, der Name dafür ist „Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie“ (CIPN).
Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen – eine Polyneuropathie (PNP) kann für Krebspatienten während und nach der Chemotherapie zu belastenden Nebenwirkungen werden. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Welche Symptome treten auf und was kann man dagegen tun?
Eine Polyneuropathie ist eine Erkrankung vieler peripherer Nerven gleichzeitig. Die Chemotherapie kann Axone (Nervenfasern) und/oder Myelinscheiden (Isolierung die das Axon schützt und für eine schnelle Signalübertragung sorgt) schädigen. Die Signalübertragung wird gestört oder verlangsamt – es entstehen Symptome wie Kribbeln, Taubheit, Schmerzen oder Muskelschwäche.
Die häufigsten Ursachen einer PNP sind Diabetes mellitus, Alkohol, Medikamente/Chemotherapie, Vitaminmangel v.a. B12 oder Autoimmunerkrankungen.
30 – 90 % der Patient:innen sind während oder nach der Chemotherapie davon betroffen, 30 % bleibend nach 6 Monaten. Die Häufigkeit hängt stark von der Substanz, Dosis und der Therapiedauer ab.
Besonders relevante Substanzen sind:
Platinderivate: Oxaliplatin, Cisplatin, Carboplatin
Taxane: Paclitaxel, Docetaxel, Cabozitaxel
Vinka Alkaloide Vincristin, Vinblastin
Proteasom-Inhibitoren: Bortezomib
Immunmodulatoren Thalidomid, Lenalidomid
Typische CIPN Symptome sind:
Kribbeln oder Ameisenlaufen in Händen und Füßen
Taubheitsgefühl
Brennende oder stechende Schmerzen
Überempfindlichkeit gegenüber Berührung oder Kälte
Unsicherheit beim Gehen oder Gleichgewichtsstörungen
Feinmotorische Probleme (z. B. Knöpfe schließen, Schreiben)
In schweren Fällen Muskelschwäche
Die Beschwerden beginnen oft an Zehen und Fingern und breiten sich symmetrisch aus („Strumpf- und Handschuhmuster“).
Wie wird die Diagnose gestellt?
1. Anamnese: Welche Chemo? Welche Beschwerden? Seit wann? Wo genau?
2. Klinische Untersuchung: Reflexe, Berührungs- und Vibrationsempfinden, Themperaturempfinden, Kraft, Koordination
3. Apparativ (bei Bedarf): Elektroneurographie (Nervenleitgeschwindigkeit), Labor zum Ausschluss anderer Ursachen
Wie wird die CIPN behandelt?
Wichtig vorweg: Es gibt keine Therapie, die die geschädigten Nerven heilen kann. Die Behandlung ist symptomatisch: Die Beschwerden werden gelindert und die natürliche Regeneration wird unterstützt.
Medikamente: Zur Linderung der neuropathischen Schmerzen, mit klaren Grenzen
Bewegung und Therapie: Sport, Physio, Ergo, Sensomotorik: Die Wichtigste Säule
Selbsthilfe und Alltag: Hautpflege, Sicherheit, Hilfsmittel, psychische Unterstützung
Erste Wahl bei neuropathischen Schmerzen:
Pregabalin/Gabapentin (Antikonvulsiva) (Lyrica, Neurontin u.ä.)
Ursprünglich gegen Epilepsie entwickelt. Wirken gezielt gegen überaktive Schmerznerven. Langsam eindosieren. Zugelassen bei neuropathischen Schmerzen. NW: Müdigkeit, Schwindel Gewichtszunahme
Amitriptylin (Antidepressivum) (Saroten u.ä.)
Bewährtes Antidepressivum in der Schmerztherapie. Hier nicht gegen Depression, sondern gezielt gegen Schmerzen. NW: Mundtrockenheit, Verstopfung, Schwindel, Gewichtszunahme
Capsaicin 8% Pflaster (Qutenza)
Lokale Pflastertherapie, wird in der Praxis aufgeklebt, wirkt mehrere Wochen. Keine systemischen Nebenwirkungen. NW: Brennen und Hautrötungen an der Klebestelle
Weitere Medikamente können im Einzelfall sinnvoll sein:
Duloxetin (Antidepressivum) (Cymbalta u.ä.)
In Deutschland nur für diabetische PNP zugelassen. NW: Übelkeit, Schwindel, Mundtrockenheit
Opioide (z.B. Tramadol, Tilidin, Tapentadol)
Grundsätzlich zugelassen bei starken Schmerzen. Bei neuropathischen Schmerzen nachrangig, wenn andere Optionen nicht ausreichen. Regelmäßige Kontrolle und klare Beendigungsstrategie. NW: Übelkeit, Verstopfung, Müdigkeit, Abhängigkeitspotenzial
Lidocain Pflaster (Versatis)
Formal nur bei Post-Zoster-Neuralgie zugelassen. Wird bei lokalen neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Gut verträglich. Keine systemischen Nebenwirkungen. NW: Hautrötung an der Klebestelle
Was kritisch zu sehen ist:
Mit den Beschwerden vieler Patient:innen wird viel Geld verdient:
Vitamin B / Keltican Forte
Ohne nachgewiesenen Mangel kein Nutzen bei CIPN
B12 nur bei tatsächlichem Mangel ergänzen
α-Liponsäure
Liponsäure: Evidenz bei CIPN sehr dünn, sollte bei CIPN nicht eingenommen werden
Restaxil (Homöopathisches Komplexmittel)
Homöopathie: Keine Evidenz für Wirksamkeit über Plazebe hinaus
Für medizinisches Cannabis gibt es keine überzeugenden Studien, die eine Wirksamkeit bei CIPN belegen.
Sport und Bewegung – Was wirklich hilft
Mehrere Studien zeigen: Strukturierte Bewegung lindert Beschwerden und verbessert Gleichgewicht und Kraft. Oft besser als jedes Medikament.
Ausdauer: Walking, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen – 3x/Woche 30 Min.
Krafttraining: Körpergewicht, Geräte, Theraband – gegen Muskelschwäche
Gleichgewicht: Einbeinstand, weiche Unterlage, Tai Chi, Yoga – gegen Sturzgefahr
Sensomotorik: Igelball, barfuß auf verschiedenen Untergründen
Physiotherapie: Kraft- und Gewichtstraining, Gangschulung, Sturzprophylaxe,Manuelle Therapie – Auf Rezept verordnungsfähig
Ergotherapie: Feinmotorik Training, Hilfsmittelberatung für den Alltag, Sensibilitätstraining der Hände – Auf Rezept verordnungsfähig
Weitere Verfahren - Was sonst hilfreich sein kann:
TENS – Akupunktur – Vibrationstherapie
Praktische Tipps für den Alltag:
Sicher gehen
Verbrennungen vermeiden
Verletzungen vorbeugen
Hautpflege
Reden hilft
Beschwerden notieren
Prognose – Wie geht es weiter?
Wie sich die CIPN entwickelt, hängt stark von der Substanz, der Dosis und individuellen Faktoren ab. Drei mögliche Verläufe:
Im günstigen Fall: Vollständige Rückbildung
Beschwerden klingen innerhalb von Monaten nach Ende der Chemotherapie ab. Geduld ist nötig. Nerven regenerieren langsam.
Häufigster Verlauf: Teilweise Rückbildung
Restsymptome bleiben, sind aber milder. In vielen Fällen gut behandelbar und wenig einschränkend im Alltag.
Bei einem Teil: Bleibende Beschwerden
Symptome persistieren langfristig, vor allem nach Platinderivaten. Symptomatische Behandlung gewinnt dann an Bedeutung.
Was Sie mitnehmen sollten:
CIPN ist häufig. 30-90% der Patient:innen sind betroffen
Es gibt keine kausale Heilung. Behandlung lindert Symptome und unterstützt Regeneration.
Medikamente helfen, aber begrenzt. Pregabalin, Gabapentin, Amitriptylin, Capsaicin-Pflaster zugelassen.
Vorsicht bei „Wundermitteln“. Vit.-B-Komplex, α-Liponsäure u.a. nicht überzeugend, teilweise schädlich.
Bewegung ist der Goldstandard. Ausdauer, Kraft, Gleichgewicht, Sensomotorik – Die wichtigste Säule.



