Bannerbild | zur StartseiteBannerbild | zur Startseite
  • Link zur Seite versenden
  • Ansicht zum Drucken öffnen
 

Wenn Hände und Füße kribbeln und schmerzen – Polyneuropathie durch Chemotherapie

01.​06.​2026

Am Sonntag, den 31. Mai 2026 hat der Aktionskreis Kopf hoch zu einem Vortrag über Polyneuropathie durch Chemotherapie eingeladen.

 

Die Referentin war Frau Dr. med. Julia Schüning, Fachärztin für Neurologie, Geriatrie, Palliativmedizin und Schmerztherapie.

 

Verschiedene Krebs-Medikamente verursachen Nervenschäden, der Name dafür ist „Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie“ (CIPN). 

 

Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen – eine Polyneuropathie (PNP) kann für Krebspatienten während und nach der Chemotherapie zu belastenden Nebenwirkungen werden. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Welche Symptome treten auf und was kann man dagegen tun? 

 

Eine Polyneuropathie ist eine Erkrankung vieler peripherer Nerven gleichzeitig. Die Chemotherapie kann Axone (Nervenfasern) und/oder Myelinscheiden (Isolierung die das Axon schützt und für eine schnelle Signalübertragung sorgt) schädigen. Die Signalübertragung wird gestört oder verlangsamt – es entstehen Symptome wie Kribbeln, Taubheit, Schmerzen oder Muskelschwäche.

 

Die häufigsten Ursachen einer PNP sind Diabetes mellitus, Alkohol, Medikamente/Chemotherapie, Vitaminmangel v.a. B12 oder Autoimmunerkrankungen.

 

30 – 90 % der Patient:innen sind während oder nach der Chemotherapie davon betroffen, 30 % bleibend nach 6 Monaten. Die Häufigkeit hängt stark von der Substanz, Dosis und der Therapiedauer ab.

 

Besonders relevante Substanzen sind:

Platinderivate: Oxaliplatin, Cisplatin, Carboplatin

 

Taxane: Paclitaxel, Docetaxel, Cabozitaxel

Vinka Alkaloide Vincristin, Vinblastin

 

Proteasom-Inhibitoren: Bortezomib

Immunmodulatoren Thalidomid, Lenalidomid

 

Typische CIPN Symptome sind:

Kribbeln oder Ameisenlaufen in Händen und Füßen

Taubheitsgefühl

Brennende oder stechende Schmerzen

Überempfindlichkeit gegenüber Berührung oder Kälte

Unsicherheit beim Gehen oder Gleichgewichtsstörungen

Feinmotorische Probleme (z. B. Knöpfe schließen, Schreiben)

In schweren Fällen Muskelschwäche

 

Die Beschwerden beginnen oft an Zehen und Fingern und breiten sich symmetrisch aus („Strumpf- und Handschuhmuster“).

 

Wie wird die Diagnose gestellt?

1. Anamnese: Welche Chemo? Welche Beschwerden? Seit wann? Wo genau?

 

2. Klinische Untersuchung: Reflexe, Berührungs- und Vibrationsempfinden, Themperaturempfinden, Kraft, Koordination

 

3. Apparativ (bei Bedarf):  Elektroneurographie (Nervenleitgeschwindigkeit), Labor zum Ausschluss anderer Ursachen

 

Wie wird die CIPN behandelt?

Wichtig vorweg: Es gibt keine Therapie, die die geschädigten Nerven heilen kann. Die Behandlung ist symptomatisch: Die Beschwerden werden gelindert und die natürliche Regeneration wird unterstützt.

Medikamente:  Zur Linderung der neuropathischen Schmerzen, mit klaren Grenzen

 

Bewegung und Therapie: Sport, Physio, Ergo, Sensomotorik: Die Wichtigste Säule

Selbsthilfe und Alltag: Hautpflege, Sicherheit, Hilfsmittel, psychische Unterstützung

 

Erste Wahl bei neuropathischen Schmerzen:

Pregabalin/Gabapentin (Antikonvulsiva) (Lyrica, Neurontin u.ä.)

Ursprünglich gegen Epilepsie entwickelt. Wirken gezielt gegen überaktive Schmerznerven. Langsam eindosieren. Zugelassen bei neuropathischen Schmerzen. NW: Müdigkeit, Schwindel Gewichtszunahme

 

Amitriptylin (Antidepressivum) (Saroten u.ä.)

Bewährtes Antidepressivum in der Schmerztherapie. Hier nicht gegen Depression, sondern gezielt gegen Schmerzen. NW: Mundtrockenheit, Verstopfung, Schwindel, Gewichtszunahme

 

Capsaicin 8% Pflaster (Qutenza)

Lokale Pflastertherapie, wird in der Praxis aufgeklebt, wirkt mehrere Wochen. Keine systemischen Nebenwirkungen. NW: Brennen und Hautrötungen an der Klebestelle

 

Weitere Medikamente können im Einzelfall sinnvoll sein:

Duloxetin (Antidepressivum) (Cymbalta u.ä.)

In Deutschland nur für diabetische PNP zugelassen. NW: Übelkeit, Schwindel, Mundtrockenheit

 

Opioide (z.B. Tramadol, Tilidin, Tapentadol)

Grundsätzlich zugelassen bei starken Schmerzen. Bei neuropathischen Schmerzen nachrangig, wenn andere Optionen nicht ausreichen. Regelmäßige Kontrolle und klare Beendigungsstrategie. NW: Übelkeit, Verstopfung, Müdigkeit, Abhängigkeitspotenzial

 

Lidocain Pflaster (Versatis)

Formal nur bei Post-Zoster-Neuralgie zugelassen. Wird bei lokalen neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Gut verträglich. Keine systemischen Nebenwirkungen. NW: Hautrötung an der Klebestelle

 

Was kritisch zu sehen ist:

Mit den Beschwerden vieler Patient:innen wird viel Geld verdient:

 

Vitamin B / Keltican Forte

Ohne nachgewiesenen Mangel kein Nutzen bei CIPN

B12 nur bei tatsächlichem Mangel ergänzen

 

α-Liponsäure

Liponsäure: Evidenz bei CIPN sehr dünn, sollte bei CIPN nicht eingenommen werden

 

Restaxil (Homöopathisches Komplexmittel)

Homöopathie: Keine Evidenz für Wirksamkeit über Plazebe hinaus

 

Für medizinisches Cannabis gibt es keine überzeugenden Studien, die eine Wirksamkeit bei CIPN belegen.

 

Sport und Bewegung – Was wirklich hilft

 

Mehrere Studien zeigen: Strukturierte Bewegung lindert Beschwerden und verbessert Gleichgewicht und Kraft. Oft besser als jedes Medikament.

 

Ausdauer: Walking, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen – 3x/Woche 30 Min.

 

Krafttraining: Körpergewicht, Geräte, Theraband – gegen Muskelschwäche

 

Gleichgewicht: Einbeinstand, weiche Unterlage, Tai Chi, Yoga – gegen Sturzgefahr 

 

Sensomotorik: Igelball, barfuß auf verschiedenen Untergründen

 

Physiotherapie: Kraft- und Gewichtstraining, Gangschulung, Sturzprophylaxe,Manuelle Therapie – Auf Rezept verordnungsfähig

 

Ergotherapie: Feinmotorik Training, Hilfsmittelberatung für den Alltag, Sensibilitätstraining der Hände – Auf Rezept verordnungsfähig

 

Weitere Verfahren - Was sonst hilfreich sein kann:

TENS – Akupunktur – Vibrationstherapie

 

Praktische Tipps für den Alltag:

Sicher gehen

Verbrennungen vermeiden

Verletzungen vorbeugen

Hautpflege

Reden hilft

Beschwerden notieren

 

Prognose – Wie geht es weiter?

Wie sich die CIPN entwickelt, hängt stark von der Substanz, der Dosis und individuellen Faktoren ab. Drei mögliche Verläufe:

 

Im günstigen Fall: Vollständige Rückbildung

Beschwerden klingen innerhalb von Monaten nach Ende der Chemotherapie ab. Geduld ist nötig. Nerven regenerieren langsam.

 

Häufigster Verlauf: Teilweise Rückbildung

Restsymptome bleiben, sind aber milder. In vielen Fällen gut behandelbar und wenig einschränkend im Alltag.

 

Bei einem Teil: Bleibende Beschwerden

Symptome persistieren langfristig, vor allem nach Platinderivaten. Symptomatische Behandlung gewinnt dann an Bedeutung.

 

Was Sie mitnehmen sollten:

CIPN ist häufig. 30-90% der Patient:innen sind betroffen

 

Es gibt keine kausale Heilung. Behandlung lindert Symptome und unterstützt Regeneration.

 

Medikamente helfen, aber begrenzt. Pregabalin, Gabapentin, Amitriptylin, Capsaicin-Pflaster zugelassen.

 

Vorsicht bei „Wundermitteln“. Vit.-B-Komplex, α-Liponsäure u.a. nicht überzeugend, teilweise schädlich.

 

Bewegung ist der Goldstandard. Ausdauer, Kraft, Gleichgewicht, Sensomotorik – Die wichtigste Säule.

 

Fotoserien


Polyneuropathie (01.​06.​2026)

Urheberrecht:
Aktionskreis Kopf hoch